In Deutschland wird nur zu gerne eine Karikatur der US-Außenpolitik gezeigt – speziell was Trump angeht. Es seien alles Putin-Freunde, die die Ukraine und Europa den Russen überlassen wollen, heißt es etwa. Aber auch während seiner Regierungszeit 2017-2021 klaffte oft eine Lücke zwischen impulsiven, gerne skandalisierten Aussagen Trumps und den tatsächlichen Handlungen seiner Regierung, die oft eine viel tiefere Motivation haben, als es Trumps Auftritte erscheinen lassen.
Die Umsetzung der geopolitischen Linien der USA findet dabei im Apparat der politischen Beamten (Minister, Behördenleiter, etc.) statt, die mit jedem neuen Präsidenten alle vier bis acht Jahre ausgewechselt werden. Sie sorgen nicht für Schlagzeilen hierzulande, formulieren aber die Regierungspolitik und verändern damit den Lauf der Weltgeschichte. Apollo News sprach daher im Vorfeld der US-Wahl 2024 mit denjenigen, die wirklich Regierungspolitik in Schlüsselfragen lenken werden. Einer von ihnen wird nun Trumps Nr. 2 im Pentagon:
Elbridge Colby war nicht nur einer der prominentesten und wichtigsten konservativen Militärstrategen der USA – er wird es nun auch ganz offiziell: Wie Trump am Sonntagabend verkündete soll Colby den Top-Job des „Under Secretary of Defense for Policy“ (zu Deutsch etwa „Unterminister für Verteidigungspolitik“) bekommen, damit ist er im Pentagon in der höchsten strategischen Ebene – aus Sicht vieler Beobachter der Job Nummer Zwei im US-Verteidigungsministerium – und wird damit entscheidend die Militärstrategie und Sicherheitspolitik der USA auch gegenüber Deutschland prägen.
In der ersten Trump-Administration war Colby noch „Deputy Assistant Secretary of Defense for Strategy and Force Development“ (zu Deutsch etwa „stellvertretender Vize-Verteidigungsminister für Strategie und Streitkräfte-Entwicklung“) tätig, dabei aber bereits federführend für die Ausarbeitung der wegweisenden Nationalen Verteidigungsstrategie der Vereinigten Staaten von 2018 zuständig, die die historische Bedrohung durch China priorisierte. Seit seinem Ausscheiden aus dem Regierungsdienst schrieb er dazu u.a. das Buch „The Strategy of Denial: American Defense in an Age of Great Power Conflict“, vom Wall Street Journal als eines der zehn besten Bücher von 2021 ausgezeichnet.
Im Exklusivinterview mit Apollo News sprach Colby im Frühjahr dieses Jahres darüber, warum China der „größte Rivale“ ist, dem die Vereinigten Staaten „je gegenüberstanden“ – deshalb sei es zwingend so, dass die USA egal unter welcher Regierung, ihre Ressourcen voll auf China und Ostasien verlagern werden. Europa müsse diese Realität schnell erkennen – denn man müsse die Verteidigung des Kontinents im Wesentlichen alleine bewerkstelligen können. Das macht er auch mit drastischen Worten an die deutsche Politik klar. In Deutschland sieht er nämlich den noch schlafenden, aber entscheidenden „Eckpfeiler“ der europäischen Verteidigungspolitik.
Apollo News: Sie haben in Ihrem Buch die „Strategy of Denial“ definiert, nach allem was man aktuell hört, dürfte in der nächsten republikanischen Regierung die Umsetzung dieser Ideen sehr wahrscheinlich sein. Was würde das konkret bedeuten?
Elbridge Colby: Ersteinmal würde ich keinen Anspruch auf meinen eigenen Einfluss erheben. Was ich sagen werde, ist, dass ich denke, dass meine Strategie am ehesten mit der Agenda von „America first“ („Amerika zuerst“) übereinstimmt. Amerika zuerst bedeutet aber nicht Amerika alleine.
Es ist kein Amerika, das den Kopf in den Sand steckt, aber es ist auch nicht die gleiche alte Politik. Es ist nicht die Außenpolitik von George W. Bush. Das heißt, man kann nicht so tun, als wären wir immer noch im Jahr 1989, so als ob China nur ein Zehntel unserer wirtschaftlichen Größe hätte, dass wir ohne Bedenken herumbombardieren oder mit Geld um uns werfen könnten, als ob es niemanden etwas anginge.
China ist der größte Rivale, dem wir je gegenüberstanden.
Unsere Rüstungsindustrie ist in einem schlechten Zustand. US-Zentralbankchef Jay Powell sagte jüngst, dass die Verschuldung hier zu einem wirklich ernsten Problem wird. Wir haben Grenzprobleme. Wir haben Rekrutierungsprobleme in unserem Militär.
Der Mittelweg zwischen Isolation und Intervention überall ist für mich die Strategie der Verwehrung („The Strategy of Denial“) oder wie auch immer man sie nennen will, die zurückkehrt zu einem Kern amerikanischer Außenpolitik, die der traditionellen britischen Außenpolitik in Bezug auf den europäischen Kontinent ähnelt; die darin besteht, jedem Staat die Möglichkeit zu verwehren, eine Schlüsselregion der Welt zu dominieren.
Und da ist natürlich die wichtigste Region Asien, gefolgt von Europa. Das war vor 70 Jahren anders, als alle großen Volkswirtschaften in Europa lagen, damals war Europa die wichtigste Region. Jetzt ist Asien das, was Winston Churchill den „entscheidenden Schauplatz“ nennen würde. Ein Konzept, das im strategischen Denken sehr geläufig ist, nämlich dass Asien heute den größten Anteil an der weltweiten wirtschaftlichen Produktivität, gemessen am BIP oder ähnlichem, hat. Dieser Anteil nähert sich der 50-Prozent-Marke, und in Zukunft werden es über 50 Prozent sein.
Und China wiederrum macht etwa 50 Prozent des asiatischen BIP aus. China ist der größte Rivale, dem wir je gegenüberstanden. Viel größer als die Nazis oder das kaiserliche Deutschland oder die Sowjetunion im Vergleich zu den Vereinigten Staaten. Das ist eine ganz andere Dimension. Wer das nicht sieht, lebt im Gestern.
Die wohl größte Frage nimmt in ihrem Buch dabei ganz konkret ein chinesisch-amerikanischer Krieg um Taiwan ein. Können Sie einmal erklären, wieso ein kleines Land wie Taiwan so wichtig ist? In Europa heißt es ja gerne, es ginge um Demokratie oder deren Halbleiter-Industrie…
Taiwan ist aus militärischer und geopolitischer Sicht entscheidend für das erfolgreiche Funktionieren der, wie ich es nenne, antihegemonialen Koalition. Sie müssen wissen, dass Koalitionen im Wesentlichen nicht durch ihre gemeinsamen Werte definiert werden, sondern durch ihre gemeinsame Opposition gegen diesen aufstrebenden Hegemon. So machten die Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg gemeinsame Sache mit Stalin und im Ersten Weltkrieg das republikanische Frankreich und das zaristische Russland. Und so weiter und so fort.
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