Kaum ein Medikament ist derzeit mehr im Trend als die „Abnehmspritze“ der Firma Novo Nordisk mit dem Wirkstoff Semaglutid. Sie wurde vor allem unter dem Namen Ozempic bekannt, das eingesetzt wird, um Diabetes zu behandeln. Mittlerweile hat die Europäische Union sie jedoch auch unter dem Namen Wegovy zugelassen, um Übergewicht zu behandeln. Die Medikamente wirken im Wesentlichen gleich, sie haben bloß zwei verschiedene Namen und werden anders dosiert.
Allerdings schafft es die dänische Firma Novo Nordisk seit Monaten kaum, die hohe Nachfrage nach der berühmten Abnehmspritze zu decken, wie mehrere Medien berichten: Es sind demnach längst nicht mehr nur Übergewichtige oder Diabetiker, die sich den Effekt der Spritze zunutze machen. Auch Menschen wie Tesla-Chef Elon Musk, die augenscheinlich kein krankhaftes Übergewicht haben, nutzen es, um abzunehmen. Musk hat sich jedenfalls offiziell dazu bekannt. Zwar muss nach dem Gesetz ein Arzt das Medikament verschreiben, aber in der Praxis kommen eben doch auch jene Menschen daran, denen das Medikament eigentlich nicht verschrieben werden dürfte: durch einen befreundeten Arzt, ein gefälschtes Rezept – oder manchmal auch nur eine Suche auf Ebay-Kleinanzeigen.
Viele Menschen wollen die Spritze haben, um auf einfache Weise ein paar unerwünschte Kilos und Speckröllchen loszuwerden, statt müßig die Ernährung umzustellen und mehr Sport zu machen. Und viele sind zufrieden, wie in Kommentaren auf X zu lesen ist. Denn das Medikament wirkt zunächst effektiv und ohne viel Nerverei:
Einmal wöchentlich spritzt man sich den Wirkstoff Semaglutid in die Bauchfalte und – taratata – schon purzeln die Kilos. Das Medikament ahmt das Darmhormon GLP-1 nach. Dieses regt die Bauchspeicheldrüse nach einer Mahlzeit an, Insulin freizusetzen, wodurch der Blutzucker gesenkt wird. Außerdem sorgt das Medikament dafür, dass der Magen die Nahrung länger hält, wodurch man länger satt bleibt. Zudem sorgt das Semaglutid dafür, dass am Hippothalamus einen Botenstoff ausgeschüttet wird, der ein zusätzliches Sättigungsgefühl auslöst. Insgesamt sinkt somit die Lust, etwas zu essen. In den Zulassungsstudien des Medikaments konnten die Probanden auf diese Weise 16 bis 21 Prozent ihres Körpergewichts verlieren.
Das klingt praktisch. Ist es auch. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. In den vielen Artikeln, in denen die Autoren das Medikament in den siebten Himmel loben und betonen, dass es womöglich auch gegen andere Krankheiten wie etwa Arthritis, Alkoholsucht, Leberschwäche und Herz-Kreislauf-Erkrankungen helfen könnte, schreiben sie zwar, dass die Abnehmspritze allein nicht ausreiche: Wer abnehmen wolle, müsse auch Sport treiben und seine Ernährung umstellen. Aber eines erwähnen die Autoren selten: In der STEP 4-Studie die Novo Nordisk selbst bei der Zulassung eingereicht hat, beobachteten die Forscher beispielsweise einen Jo-Jo-Effekt, sobald die Probanden das Medikament absetzten.
Das verlorene Gewicht kam nach einer gewissen Zeit also wieder zurück. Auch Andreas Klinge von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft bestätigt gegenüber der Tagesschau, dass adipöse, also pathologisch fettleibige, Patienten das Medikament dauerhaft – also lebenslang – einnehmen müssten. Sobald die Spritze abgesetzt würde, kämen die verlorenen Kilos schnell wieder auf die Hüften zurück, sagt er. Logisch: Denn dann wird das Hungergefühl nicht mehr blockiert. Die psychischen Ursachen der Krankheit behandelt das Medikament ohnehin nicht. Eine nachhaltige Gesundung aus psychologischer Sicht kann Wegovy also nicht bedeuten.
Übergewicht als Schutzmantel von emotionalem Schmerz
Parteipressekonferenzen von Die Linke, CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen











