Energiepolitisch fällt das Fazit aus Sicht vieler Kritiker in diesem Jahr ernüchternd aus. Statt eines echten Kurswechsels sehen sie eine Fortsetzung alter Strukturen: steigende Kosten, immer neue Subventionen und eine Politik, die wirtschaftliche Realität und physikalische Grenzen zunehmend ausblendet. Björn Peters, Physiker und Energieökonom, analysiert im Interview die strukturellen Fehlanreize der aktuellen Energiepolitik, warnt vor explodierenden Kosten und kritisiert zentrale Narrative rund um „erneuerbare Energien“ und Klimaschutz. Fritz Vahrenholt, ehemaliger Umweltsenator Hamburgs und Energieexperte, zieht im Anschluss eine politische Bilanz des Jahres 2025 und beschreibt die Folgen für Industrie, Arbeitsplätze und Versorgungssicherheit.
Aus energiepolitischer Sicht könnte man aber doch sagen, eigentlich ist 2025 alles beim Alten geblieben, oder?
Peters: Ja, das ist ja genau das Problem. Wir haben im März. Ich glaube, da habe ich sogar bei Ihnen einen Gastbeitrag hinterlassen zu dem Thema, dass dieses Schuldenpaket lediglich dazu dient, die negativen Folgen der katastrophal schlechten Energiepolitik wegzusubventionieren. Und da bleibt nichts übrig, irgendwo eine Schiene, eine Weiche, eine Brücke, eine Straße zu bauen. Denn das ist tatsächlich die Größenordnung: 500 Milliarden auf zehn Jahre sind 50 Milliarden pro Jahr. Und das wird man eben auch brauchen für den Industriestrompreis und für die Netzentgeltentlastung und, und, und. Also wir sind auf einer wirklich sehr schiefen Ebene, sind schon weit abgerutscht und haben immer noch nichts unternommen, diese Ebene wieder ins Lot zu bekommen.
Wie kann es denn aber sein, dass man etwa immer noch am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festhält. Mittlerweile müssten sich die immensen Kosten doch selbst in der CDU herumgesprochen haben, oder?
Peters: Natürlich sind auch viele Leute aufgewacht. Aber es ist einfach so: Wenn Sie irgendwo in irgendwas 500 oder 700 Milliarden Euro hineingeben, dann schaffen Sie dort natürlich auch Wohlstand. Das bedeutet, dass diese Leute alle PR-Agenturen flächendeckend engagieren können und damit bestimmte Narrative in der Gesellschaft vorherrschend sind. Und im Übrigen: Angela Merkel hat das schon im März/April 2005, da war sie noch keine Kanzlerin, in einem Vortrag in Essen gesagt. Schon damals war ihre Beobachtung, dass das EEG so raffiniert konstruiert ist, dass es so viele finanzielle Verflechtungen schafft, dass es quasi unmöglich sein wird, das EEG wieder abzuschaffen. Genau das erleben wir heute auch. Wir haben überhaupt keine ernsthaften Initiativen in der CDU und schon gar nicht in der SPD für eine Abschaffung des EEG. Dabei wäre das absolut notwendig.
Man kann nicht sagen, man subventioniert eine Technologie mit Steuergeldern insgesamt 50 Jahre lang als Markteinführungsprämie. Dieses Einspeisegesetz ist 1991 entstanden, das EEG also nur zehn Jahre später. Fell und Scheer haben sich das dann auf die Schultern geschrieben, wie toll sie das alles gemacht hätten. Aber alle Elemente des EEG gab es vorher auch schon, eingeführt von der schwarz-gelben Regierung in den 1990er-Jahren: Förderung wetterabhängiger Energien mit Einspeisevorrang und gesetzlich festgelegter Einspeisevergütung. Das hat sich nur graduell verändert. Mit den heutigen Finanzierungszusagen finanzieren wir das aber – 35 Jahre später – noch einmal für 20 Jahre. Es gibt keine Technologie auf der Welt, die 50 Jahre oder länger eine solche Markteinführungsprämie gebraucht hätte. Das allein zeigt, wie absurd es ist, das EEG heute noch zu verteidigen.
Die Energiewende kostet den Bürger noch immer Milliardenbeträge – dennoch werden immer neue Anlagen gebaut.
Ich habe allerdings das Gefühl, dass in der Bevölkerung immer noch das Narrativ verbreitet ist, wir sind unbedingt auf wetterabhängige Technologien angewesen, allein zur Klima-Rettung. Wie vermittelt man der Bevölkerung überhaupt, dass es einen Wechsel braucht?
Peters: Das ist richtig. Die Narrative, mit denen die Energiewende durchgesetzt wurde und immer noch wird, sind sehr raffiniert konstruiert. Vielen Dank, dass Sie genau diese Frage stellen – ich habe mir diese Frage dieses Jahr selbst gestellt: Wie kommen wir da eigentlich wieder raus? Ich habe im Februar ein Buch veröffentlicht, in dem ich erstmals eine alternative Strategie formuliert habe, den ökologischen Realismus. Aber das reicht noch nicht aus. Deshalb habe ich begonnen, darüber nachzudenken, wie man diese grünen Narrative – nicht parteipolitisch gemeint, sie ziehen sich durch alle Parteien – erkennt und dekonstruiert. Im besten 68er-Sprech: Die Herrschaft über die Begriffe führt zur Herrschaft in den Köpfen und letztlich dazu, Politik verändern zu können. Das haben die Linken, insbesondere die Frankfurter Schule, sehr gut erkannt und deshalb massiv in Begriffsveränderungen investiert. Früher hieß es: „Von Stalin lernen heißt siegen lernen.“ Er war in dieser Hinsicht ein sehr raffinierter Hund. Letztlich ist das alles Stalinismus. Er hat damit die bolschewistische Revolution 1917 aus einer völligen Minderheitsposition heraus gewonnen – sehr raffiniert, zusammen mit Trotzki und Lenin.
Und man muss von diesen Herrschaften einfach das lernen, was sie wirklich gut konnten. Und das war, Begriffe neu zu definieren. Also in diesem Online-Kurs, den ich anbiete, geht es genau darum: diese grünen Narrative zu erkennen, sie zu dekonstruieren, also wirklich auseinanderzunehmen. Was steckt implizit und explizit dahinter? Und drittens: Wie kann man das ersetzen? Wenn Sie mir noch die Gelegenheit geben – ein Beispiel, das unheimlich stark in den Köpfen ist: Wir sprechen ja ganz selbstverständlich über „erneuerbare Energien“. Das ist ein Begriff, der in den 1970er-Jahren von den Brüdern Bossel in einem Buch eingeführt wurde. Low hat schon in den 1960er-Jahren – das war ein verkrachter Physiker, der sein Studium nicht beendet hat, aber dann sehr eigenwillige Theorien darüber gesponnen hat, wie Energie sein sollte – von „sanften Energien“ gesprochen. Das war in den 1970er-Jahren schon relativ wirkmächtig. Aber dann kam der Begriff „erneuerbare Energien“, und der vernebelt das Denken komplett.
Eine kleine Anekdote dazu: Vor etwa zehn Jahren gab es eine Rede auf einem Energiewirtschaftstag. Der damalige bayerische Finanz- und Wirtschaftsminister Pschierer hat das energiepolitische Zieldreieck umgedeutet. Sie kennen das: Energie muss preisgünstig, zuverlässig und umweltfreundlich sein. Er hat daraus gemacht: preisgünstig, zuverlässig und Ausbau erneuerbarer Energien. Daran sieht man, wie tief dieser Begriff bis in konservative Kreise hinein wirkmächtig geworden ist. „Erneuerbare Energien“ ruft in unseren Köpfen das Bild eines Füllhorns hervor, das irgendwo in der Natur steht, und man muss nur hineingreifen und die Energie herausholen. Franz Alt hat in den 1990er-Jahren sogar ein Buch mit dem Titel geschrieben: Die Sonne schickt uns keine Rechnung. Und das Raffinierte daran ist: Es ist ja alles richtig. Mir ist auch noch kein Postamt auf unserem Zentralgestirn aufgefallen. Das stimmt alles. Aber dieser Begriff vernebelt die enorme Materialschlacht, die nötig ist, um diese sehr undichte Energie zu ernten – mit riesigen, 200 bis 300 Meter hohen Türmen im Bereich der Windkraft.
Anhänger der grünen Kilma-Ideologie gibt es nicht erst seit Fridays for Future.
Er vernebelt auch, dass wir dafür, wenn wir das weltweit umsetzen wollten, mehr Rohstoffe verbrauchen würden als jemals zuvor. Ich habe das einmal überschlagen: Allein für eine Energiewende nach deutschem Modell bräuchten wir rund 250 Jahresproduktionen an Kupfer – nur um etwas umzubauen, das es heute schon gibt. In diesen 250 Jahren würde es dauern, diese Energiewende umzusetzen. Das zeigt, wie unglaublich abstrus das Ganze ist. Und es gibt noch viele weitere Beispiele, aber am Begriff „erneuerbare Energien“ kann man wunderbar sehen, wie absurd diese gesamte Gedankenwelt eigentlich ist. Deshalb habe ich irgendwann begonnen, von Umgebungsenergien zu sprechen und speziell bei Solar- und Windenergie von wetterabhängigen Energien. Ich kann Sie nur ermuntern: Wenn Sie über Energie sprechen, sprechen Sie über wetterabhängige Energien. Denn dann wird etwas völlig anderes im Kopf ausgelöst. Nicht mehr das Füllhorn, sondern: Wetter. Wetter ändert sich ständig. Was sind eigentlich die Eigenschaften von Wetter? Damit muss ich mich beschäftigen. Das macht neugierig. Und dann stellt sich automatisch die Frage, ob man mit so etwas überhaupt sinnvoll eine Industrienation mit Energie versorgen kann.
Sie fangen da auf der kleinsten Ebene an, würde ich sagen, was diese Dekonstruktion angeht. Was glauben Sie denn: Was ist eigentlich die gefährlichste Lüge oder das gefährlichste Narrativ, das aus diesen Kreisen gestreut wird? Ist es die Behauptung vom günstigen Strom, sind es die Arbeitsplätze, die angeblich geschaffen werden, oder was ist es aus Ihrer Sicht?
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