Deutschlands Moral-Elite und ihre globale Bedeutungslosigkeit

vor 5 Monaten

Deutschlands Moral-Elite und ihre globale Bedeutungslosigkeit
Bildquelle: Tichys Einblick

Über den Ukrainekrieg denkt der globale Süden nicht in westlichen Kategorien von individuellem Recht und völkerrechtlicher Vertragstheorie, sondern in Beziehungen, Loyalitäten und Machtgleichgewichten. Aus dieser Perspektive erscheint der Westen nicht als moralische Instanz, sondern als ein Clan unter vielen, der seine Regeln oft genug scheinheilig anwendet

Die herrschende politmediale Klasse Deutschlands hält sich noch immer für den moralischen Mittelpunkt der Erde und scheint ein zentrales Faktum nicht zur Kenntnis zu nehmen: Die Welt interessiert sich nicht für sie. 
Das internationale Interesse an Deutschland war historisch nie moralisch begründet, sondern war ökonomischer Natur. Deutschland galt als leistungsfähige Industrienation, als Exportmotor, als Garant von Wohlstand und Stabilität. Mit dem fortschreitenden industriellen Niedergang, explodierenden Energiepreisen und einer zunehmend ideologisch geführten Wirtschaftspolitik ist dieses Interesse weitgehend erloschen.

Was bleibt, ist eine deutsche Elite, die sich selbst als moralische Avantgarde begreift, deren Werte jedoch außerhalb des westlichen Resonanzraums kaum jemanden berühren. Was heute in Berlin als „Wertegemeinschaft“ beschworen wird, sind nicht universelle Werte, sondern die partikularen Überzeugungen einer westlich pseudoliberalen Elite.

Die Werte von Milliarden Menschen im globalen Süden sind der angeblich global denkenden Elite weitgehend fremd – und sie scheint auch kein ernsthaftes Interesse daran zu haben, sie zu verstehen. Besonders deutlich wird dies mit dem fehlenden Verständnis des Russland-Ukraine-Krieges, mit dem China-Taiwan-Konflikt und den Werten des globalen Südens.

Entgegen der Darstellung des deutschen Establishments verabscheut der globale Süden weder das Großmachtdenken Russlands gegenüber der Ukraine noch das Machtstreben Chinas gegenüber Taiwan. Diese Abneigung existiert vor allem in westlichen Kommentarspalten. Große Teile der Welt denken in völlig anderen Kategorien als das westliche, individualistisch geprägte Establishment.

In vielen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas ist das Denken gemeinschafts- und clanorientiert. Familie, Loyalität und Zusammenhalt stehen über abstrakten Rechtskonstruktionen. Der Clan, die Gemeinschaft, das historische Band – all das zählt mehr als formales Völkerrecht, das ohnehin als vom Westen selektiv zu seinen Gunsten angewendet wahrgenommen wird.

In dieser Logik gilt Verrat als Todsünde. Wer sich vom eigenen Verbund abwendet und sich mit dem Feind verbündet, stellt sich außerhalb der moralischen Ordnung. Genau so werden die Ukraine und – in abgewandelter Form – Taiwan in großen Teilen des globalen Südens wahrgenommen: nicht als souveräne Akteure, sondern als abtrünnige Familienmitglieder.

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