Als „Sturmgeschütz der Demokratie“ bezeichnete Rudolf Augstein sein Nachrichtenmagazin, das er mit 23 Jahren gründete. Er meinte damit, dass der Spiegel mit investigativem, konfrontativem Journalismus den Mächtigen auf die Finger schaute – und nötigenfalls auch klopfte. Ein neues Berufsverständnis, das kritische Nachwuchsjournalisten prägte und sie von einer Karriere beim Hamburger Magazin träumen ließ. Doch davon ist nicht mehr viel übrig.
Statt auf Enthüllungsrecherchen, die in Vorstands- und Ministerialbüros, in Staatskanzleien oder im Bundeskanzleramt für Nervosität sorgen, hat sich der Spiegel auf eine perfide Form der Volkserziehung spezialisiert: den medialen Pranger. An ihn stellt er Männer, denen Frauen Dinge vorwerfen, die teils nur grenzwertig und teils klare Grenzüberschreitungen sind – bei denen es sich aber, und das ist das Perfide daran, um unbelegte Behauptungen handelt.
Ob Julian Reichelt, Till Lindemann, Luke Mockridge oder jüngst Christian Ulmen: Die Masche des Spiegel-Prangers ist stets dieselbe. Auf die erste, als Spektakel inszenierte Veröffentlichung folgen kleinteilige presserechtliche Auseinandersetzungen. Denn die Betroffenen wehren sich gegen die Verdachtsberichterstattung und erzielen dabei oft in wesentlichen Punkten juristische Erfolge. Die Redaktion muss ihre Berichte dann nachträglich korrigieren. Für sie ist das verkraftbar, denn die erwünschte Wirkung haben sie dann schon längst erzielt. Vor allem, weil zahlreiche andere Medien die Vorwürfe längst aufgegriffen und weitererzählt haben.
Perfektioniert hat diese Methode die Spiegel-Journalistin Juliane Löffler. Sie hat darüber sogar ein Buch geschrieben, das den Titel „Missbrauch, Macht & Medien – Was #MeToo in Deutschland verändert hat“ trägt und 2024 im hauseigenen Buchverlag erschienen ist. Darin wird deutlich: Sie fühlt sich als Teil einer internationalen feministischen Bewegung, die gegen das Patriarchat und für strengere Gesetze gegen sexuelle Übergriffe kämpft. Die Einzelfälle, über die sie berichtet, sind für die schreibende Metoo-Aktivistin nur Mittel zum Zweck.
„Aber nur über das System zu schreiben, wird nichts verändern. Missbräuchliche Handlungen haben am ehesten Konsequenzen, wenn Namen genannt werden“, schreibt Löffler im Vorwort. „Dass ein ganzes Land wochenlang über mutmaßliche Missstände diskutiert, passiert, wenn Namen fallen. Julian Reichelt. Oder Till Lindemann.“
Ihre Recherchen zum Liebesleben des damaligen Bild-Chefredakteurs Reichelt brachten Löffler zum Spiegel. Ihr vorheriger Arbeitgeber, der Regionalzeitungsverleger Dirk Ippen, hatte die Veröffentlichung abgelehnt. Noch während Löffler dort angestellt war und offiziell im „Ippen Investigativ“-Team arbeitete, ging sie mit dem Material zum Hamburger Nachrichtenmagazin. „Nun stand ich plötzlich im zwölften Stock einer der mächtigsten Redaktionen in Deutschland“, schreibt Löffler darüber in ihrem Buch. Vielleicht ist ihr in diesem Moment klar geworden, welche Feuerkraft Augsteins Sturmgeschütz nach wie vor hat und wie nützlich es in ihrem Kampf gegen männliche Vorherrschaft sein könnte.
Im Oktober 2021 erschien ihre verhinderte Reichelt-Recherche im Spiegel. Vier Monate später wechselte sie als feste Redakteurin dorthin. Seitdem arbeitet Löffler daran, den Spiegel zur Speerspitze der Metoo-Bewegung zu machen. Eine wichtige interne Verbündete ist dabei die Politikredakteurin Ann-Katrin Müller.
Parteipressekonferenzen von Die Linke, CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen











