„I’m still standing“. Ich stehe immer noch, singt Elton John. Sein Song haut rein wie eine mächtige Substanz. Dieses Lied ist ein Anker, meine Kraftquelle. Der Rhythmus, die Melodie, die Komposition. Es folgt ein unglaublicher Energieschub, wenn ich dieses Lied in voller Lautstärke genieße. Als ob jemand ein Tor zur Sonne für mich öffnen würde. In meinem Kopf wird es in vielen Abstufungen orange bis freundlich hell, die Wörter hüpfen bunt, fröhlich und voller Geschmack in meinem Mund herum. Es schmeckt und riecht nach Energie. Die Herznote des Geschmacks ist irgendetwas zwischen Orange und Bergamotte, sonnig, süß – nicht bitter, frisch, erfrischend, energetisierend. Während dieser Geschmacksexplosion und der ausgesprochen angenehmen optimistischen Farbenorgie, wird mein Körper von Energie durchflutet. „Ich stehe noch“ scheint jede Zelle meines Körpers zu singen und dabei mit dem Universum in absolutem Gleichklang zu tanzen.
Wenn ich trainiere, bis die Muskeln brennen, wenn ich gute Stimmung brauche oder wenn ich kreativ sein möchte, höre ich dieses Lied. So auch jetzt: Kopfhörer auf; Lautstärke nach oben reguliert. Die Finger schweben über der Tastatur. Meine Hände, der Laptop, ich und Elton Johns Song werden eins – der Tanz beginnt. Ich liebe es.
Sicher kennen Sie Ähnliches, liebe Leser: Es passiert etwas, eine Situation, ein Erlebnis, etwas, das einen trifft, emotional erwischt, wütend macht oder traurig oder schlicht fassungslos zurücklässt. Plötzlich ist da diese miese Stimmung, die nicht abzuschütteln ist, egal wie sehr man sich bemüht.
Man beginnt darüber zu sprechen, mit denjenigen, die beteiligt waren, oder mit völlig Unbeteiligten. Fast immer folgt derselbe Mechanismus: ein bisschen Verständnis, ein paar beschwichtigende Worte – und darunter dieses leise, hartnäckige infrage stellen. Dieses unausgesprochene „Bist du dir auch ganz sicher, dass es wirklich so war?“, das selten offen formuliert wird, aber zuverlässig im Raum steht. Wer jemals emotional getroffen wurde, ganz egal aus welchem Grund, der weiß, wie existenziell es ist, dass einem zunächst geglaubt wird. Es geht zunächst nicht um Details oder um eine objektive Rekonstruktion, sondern darum, dass der eigene Zustand, das eigene Erleben überhaupt als real anerkannt wird.
Während meiner Tätigkeit als Gefängnisarzt habe ich vieles erlebt. Dinge, an die man sich nie wirklich gewöhnt, auch wenn der Alltag irgendwann abstumpft, und eines dieser Erlebnisse hat meinen Blick auf Wahrheit und Wirklichkeit nachhaltig verändert.
Eine Person war wegen Mordes verurteilt worden. Der Fall galt als eindeutig. Als ich meine Arbeit in der JVA begann, erzählte man mir nicht nur den Grund der Inhaftierung, sondern auch den brutalen Tathergang. Es folgte die Warnung: grausam, kalt, brutal, zu allem fähig.
Parteipressekonferenzen von Die Linke, CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen











