Wer die Krankenversorgung für Alte infrage stellt, macht das Sterben bald zur Pflicht. Es ist das Ende jeder Solidargemeinschaft, wenn man sich nicht mehr sicher sein kann, von den eigenen Mitstreitern ausgerechnet dann im Stich gelassen zu werden, wenn man am wehrlosesten und bedürftigsten ist – als Alter und Kranker.
Vor über 23 Jahren forderte im Sommer 2003 der damalige JU-Vorsitzende Philipp Mißfelder Einschränkungen für ältere Mitbürger bei den Leistungen aus der gesetzlichen Krankenversicherung. Wörtlich sprach er davon, die Sozialsysteme seien nicht dafür zuständig, „dass jeder Senior fit für einen Rentner-Adventure-Urlaub“ sei. Und er halte nichts davon, „wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen. Früher sind die Leute schließlich auch auf Krücken gelaufen“. Mißfelder war fortan „der mit dem Hüftgelenk“, was seinem Bekanntheitsgrad als politisches Nachwuchstalent viel nutzte und bewies, dass das freche Aufstellen steiler Thesen ungemein bei der politischen Karriere hilft.
JU-Chef Mißfelder mit Angela Merkel im Jahr 2003
Gerade versucht sich der als CDU-Abgeordneter neu in den Bundestag eingezogene und zum Drogenbeauftragten der Bundesregierung ernannte Hendrik Streeck offensichtlich an einem ähnlichen Booster für seine Karriere, indem er die Medikation von Älteren und ihre Versorgung mit „teuren Medikamenten“ zur Debatte stellt. Nur weil neue Studien behaupteten, ihr Medikament könne die Sterblichkeit um 10 Prozent reduzieren, sei ein Einsatz nicht immer sinnvoll. „Wenn man das aber bei einer 100-Jährigen macht, dann ist die Frage: Will man wirklich diese teuren Medikamente?“, so Streeck. Es gäbe einfach Phasen im Leben, „wo man bestimmte Medikamente auch nicht mehr einfach so benutzen sollte“. Streeck begründete das Ganze explizit mit der Kostenfrage; auch bei seinem eigenen kranken Vater sei so viel Geld ausgegeben worden und „es hat nichts gebracht und er hat dort mehr ausgegeben als je in seinem ganzen Leben im Gesundheitswesen“.
Also Triage für Opa, denn er ist am Lebensabend für unser marodes Krankenkassenmodell schlicht zu teuer, um ihm wirklich nach allen Regeln der medizinischen Kunst noch ein paar schöne Jahre zu bereiten? Soll er doch auf Krücken laufen oder gleich sterben? Aber wozu hat er denn ein paar Jahrzehnte lang im kerngesunden Zustand hohe Beträge in ein Solidarsystem eingezahlt, das ihn am Lebensende wie eine Zumutung behandelt?
Streeck stellte teure Medikamente für alte Menschen bei „Welt TV“ infrage.
Der kostenintensive alte Mensch wirft nicht nur Finanzierungsfragen auf, der Vorstoß von Streeck zeigt gleich drei Dinge. Erstens: Die Frage der Generationengerechtigkeit in umlagefinanzierten sozialen Sicherungssystemen wurde bereits vor über 23 Jahren schon einmal und auch nicht zum ersten und letzten Mal diskutiert. Zweitens: Es gibt immer noch keine vernünftige Lösung. Drittens: Damals wie heute verleitet die Geldknappheit zum Überschreiten roter Linien im Umgang mit den eigenen Mitmenschen.
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