Kennen Sie das? Dieser Dopaminrausch einer sorgfältig erledigten Steuererklärung, dieses Kribbeln im Bauch, wenn man Datev öffnet, diese Genugtuung einer Anzeige beim Ordnungsamt, die Glücksgefühle beim Abschließen einer privaten Haftpflichtversicherung – oh, ich liebe Haftpflichtversicherungen, im deutschen Schadensersatzrecht mit dem Grundprinzip der Totalreparation ein absolutes Muss. Manchmal muss man es sich einfach mal gönnen, die AGB tatsächlich zu lesen, obwohl – oder vielmehr gerade weil – es rechtlich vorgesehen ist, dass man das als Verbraucher nicht tun muss. Kleingedrucktes ist mein zweiter Vorname! Ich meine das leider nur halb ironisch, das ist das Stockholm-Syndrom des Jurastudiums.
Ich mache als Beifahrerin kritische Bemerkungen über Verstöße gegen die StVO, ich trage auch privat Blazerkostüme, und ich hoffe, dass die Digitalisierung der Bürokratie nicht zu schnell vorangeht, damit ich noch das Zeitalter der Handakten miterleben kann. So, jetzt ist es raus. Recht und Ordnung müssen mal irgendwo im Kleinen anfangen. Wenn man dann politisch aber dennoch liberal eingestellt ist, führt das zu einem komplizierten Verhältnis zum heutigen Rechtsstaat. Ich mag seine trockene und manchmal übergenaue Seite, aber kann die zunehmende Übergriffigkeit trotzdem nicht leiden.
Dagegen geht es Leuten wie Jan Böhmermann – wie vielen Linken – genau umgekehrt. Mit der technischen Seite, „Recht und Ordnung“, diesem ganzen Spießer-Paragrafenreitertum, ausgelebt von Menschen mit gebügelten Hemden und Stock im Hintern, kann er gar nichts anfangen. Fair. Das Übergriffige aber, gerade wenn es den Richtigen trifft, das findet er insgeheim (oder vielleicht doch ziemlich offen) doch schon scharf. Und wenn das dann unbedingt von den Bullenschweinen ausgeführt werden muss, na dann sei’s drum. In der nächsten Sendung über rechtsextreme Chatgruppen hetzt man denen einfach wieder einen Shitstorm auf den Hals.
Nach einem Monat ist nun auch Jan Böhmermann auf die Vorwürfe von Collien Fernandes aufgesprungen. Ich hab mich inzwischen übrigens einfach damit abgefunden, dass ich jetzt die Ulmen-Fernandes-Berichterstatterin bin. Bei der Reaktionsgeschwindigkeit des ÖRR kann das noch weitere Monate gehen. Ich würde übrigens nicht behaupten, dass dieses Thema unwichtig ist. Dieses Thema deckt mit jeder neuen Reaktion grundlegende Probleme auf, die sich durch nahezu jeden anderen Themenbereich im politischen Diskurs ziehen. Haben wir noch andere Probleme? Sicher. Doch wenn sich mit Böhmermann schon der nächste ÖRR-„Komiker“ vor die Kamera stellt und so tut, als wäre das Festhalten an der Unschuldsvermutung in solchen Fällen eine Verschwörung zum Schutz vor Vergewaltigern, kann man da schon mal drüber reden.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) zum Bundeshaushalt 2027 | 06.07.26











