In Berlin mit der Bahn zur Arbeit zu fahren, verspricht jeden Tag aufs Neue große Abenteuer. Vorbei an schlafenden Schnapsleichen, beißenden Harngerüchen und aufgedrehten Junkies bahnt sich der Hauptstädter jeden Morgen seinen Weg durch den Verfall. Die Belästigungen sind mittlerweile zur Dauerbelastung geworden – und werden immer mehr. Ein Erlebnisbericht aus Tag und Nacht in der Berliner Bahn.
Eigentlich ist an diesem Montagmorgen alles perfekt. Der Frühling zeigt sich in der Hauptstadt, die Sonne scheint bei einem fast wolkenlosen Himmel und sowohl U-Bahnen als auch S-Bahnen fahren nach zuletzt zwei Streiktagen wie gewohnt. Der Blick auf die sonnengetränkten Fassaden ist fast ein bisschen idyllisch. Bis zum Bahnhof Möckernbrücke soll das auch so bleiben.
Dort nimmt der Schrecken seinen Anfang. Die „Dame“, die von dort aus in die U3 Richtung Warschauer Straße steigen will, lässt sich schon aus zehn Metern Entfernung in der Kategorie „schwer zugedröhnt“ verorten. Weil die Türen aber schon im Begriff sind zu schließen und eigentlich nur zwei Stationen bis zu meiner Endhaltestelle Prinzenstraße auf dem Fahrplan stehen, steige ich mit ihr in denselben Wagen – ob sich das noch rächen soll? Im Waggon selbst greift sich die Mitreisende immer wieder hektisch an die Nase und springt auf einem Bein von links nach rechts, ähnlich wie man sich den Tanz des Rumpelstilzchens in den Grimmschen Märchen vorstellt.
Da Menschen in diesem Zustand unberechenbar sein können, schaue ich mich kurz nach dem Ausstieg noch einmal um, vergewissernd, dass die Dame genügend Abstand einhält, damit man sorglos die Musik der Kopfhörer genießen kann – ohne mit einer plötzlichen Attacke rechnen zu müssen. Ich wähne mich also in Sicherheit, gehe einige Meter Richtung Ausgang der Bahnstation und muss dann im Augenwinkel plötzlich erkennen: Die Frau stürmt direkt auf mich zu!
Schreiend versucht sie, mich mit ausgestrecktem Arm zu erhaschen. Will sie mich anrempeln? Wegstoßen? Vielleicht sogar umarmen? Ich muss Gott sei Dank nicht erfahren, welche der drei Optionen mir gegolten hätte, und kann noch im letzten Moment einen Schritt zurückweichen. Die Dame läuft unbeirrt weiter, als sei nichts vorgefallen. Zwei Bahnmitarbeiter, die die Szene beobachtet haben, fangen an zu lachen. Wie oft sie ähnliche Szenen schon beobachtet haben müssen?
Zumindest an der Treppe bleibe ich von ihr verschont – sie stochert in Richtung Fahrstuhl.
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