Warum konnte Taleb Abdulmohsen trotz vielfältiger Drohungen – gegen eine Ärztekammer, gegen Richter, Kanzleramt, den saudischen Botschafter, das Bundesinnenministerium – und noch mehr Auffälligkeiten ein fast unbehelligtes Leben in Deutschland führen? Wie kam er zu seiner Approbation als Facharzt für Psychiatrie, wie konnte er seine Arbeit (seit 2020) trotz der zahllosen „Aussetzer“ fortführen? Die Rätsel um den Attentäter von Magdeburg nehmen eher zu als ab, wenn man sich in seine Vorgeschichte versenkt; die Fragen, die sich Opfer, Angehörige und die Öffentlichkeit angesichts des Anschlags stellen, sind zahlreich.
Mit diesen Fragen beschäftigte sich am Donnerstag auch der Innenausschuss des Bundestags in einer nichtöffentlichen Sitzung. Unter anderem war auch Nancy Faeser geladen, der die Opposition inzwischen mangelnde Aufklärung über die Ermittlungen im Fall Taleb als-Abdulmohsen vorwirft.
Die Liste beginnt im April 2013, als es zum Streit zwischen Abdulmohsen und der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern kam. Anlass war die Frage, ob der Saudi die notwendigen Voraussetzungen für seine Zulassung zur Facharztprüfung erfüllte. Er drohte damals – elf Jahre vor seiner Tat – mit einem Terroranschlag, wie man ihn in jenem Jahr auf dem Marathon in Boston gesehen hatte: „So was passiert dann hier auch“. Aber eine Geldstrafe von 900 Euro musste genügen, verhängt von einem Rostocker Gericht. Es bleibt dabei: Abdulmohsen versuchte, sich die Zulassung zur Facharztprüfung mit reichlich fachfremden Drohungen zu erpressen.
Die Kriminalpolizei regte schon damals an, Abdulmohsen auf eine psychische Erkrankung zu untersuchen. Aber nichts geschah. Hier stellt sich auch die Frage, ob das Standesbewusstsein von Ärzten eine gründliche Untersuchung des Standesgenossen verhinderte. Letztlich hätte ein Gericht den Beschluss fassen und Abdulmohsen genauso behandeln müssen wie einen Deutschen, der dieselben Dinge tut und sagt. Am Ende bleibt der Eindruck, dass hier aus irgendeinem Grunde mit zweierlei Maß gemessen wurde.
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