Die „islamische NATO“ ist ein nur am Rande der Berichterstattung gefallenes Schlagwort der letzten Wochen. Es sollte uns aber interessieren, nicht nur deshalb, weil dieser Region ein Großteil der hiesigen Migranten entstammt; nicht nur deshalb, weil der Nahostkonflikt die Herzen, Köpfe und Schlagzeilen der Deutschen erfüllt. Was passiert hier? Wie realistisch sind die jüngsten Vorstöße Ägyptens zu einer engeren Zusammenarbeit muslimischer Staaten, und wie kann dieser Umstand geopolitisch eingeordnet werden?
Viele Leser haben, neben dem eigenen Verständnis der NATO, die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und dem Iran als erstes Bild im Kopf, die zentrale Frage lautet sofort: Wie soll das gehen, wenn selbst Erzfeinde im selben Boot sitzen müssten?
Zwar hat die weltweite Berichterstattung über Kriege und Konflikte zugenommen, das mediale und persönliche Interesse vieler an diesen Themen ist aus den verschiedensten Gründen gestiegen. Doch liegt es in der Natur der Sache, dass einige Regionen des Globus eher in Fachzeitschriften besprochen werden. Deshalb braucht es an dieser Stelle eine Einführung und ein Update über die strategische Gesamtlage im islamischen Raum. Greifen Sie nach festem Schuhwerk, denn Sie begeben sich nun in die Gefilde des Morgenlandes.
Die Huthi-Rebellen führen stellvertretend für den Iran einen Krieg gegen Saudi-Arabien.
Ein wacher, weiter Blick in die strategische Region ist notwendig, um eine hilfreiche Einordnung der Entwicklungen vornehmen zu können. Die größte Klammer, die sich ziehen lässt, ist die einer Darstellung aller Länder mit unzweifelhafter muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Das schließt allerdings gewaltige Teile Südostasiens und Afrikas mit ein, unter anderem Indonesien als bevölkerungsreichstes islamisches Land der Erde. Dazu kommen Staaten, die eine substanzielle muslimische Bevölkerung aufweisen, darunter beispielsweise Albanien und Bosnien in Europa, aber auch NATO-Mitgliedsstaaten und Länder wie Zypern, Russland und sogar Israel. Unter außenpolitischen und geografischen Gesichtspunkten erscheint es wenig sinnvoll, sie alle in die Betrachtung mit einzubeziehen.
Es braucht also auch eine geografische und eine historisch-kulturelle Kategorie. Will man den Großraum einigermaßen definieren, hilft ein Blick auf die natürlichen Hindernisse wie Gebirge, Flüsse, Meere und Wüsten sowie Meerengen wie Hormus, Suez, Bab al-Mandab und die Straße von Konstantinopel. Historisch-kulturell lassen sich, grob gesagt, der postsowjetische Raum, Europa, Subsahara-Afrika sowie Indien als die Seiten einer geopolitischen Raute über der Landkarte definieren. Dies geschieht nicht willkürlich, sondern bildet schlichtweg die Realität ab: Jenseits dieser Schwellen herrschen oft andere und im praktischen Sinne dominantere sicherheitspolitische Gravitationskräfte.
Was bleibt ist also ein Großraum, der sich seinerseits entlang einer schillernden Vielzahl von Kriterien unterteilen ließe. In einen arabischen Teil beispielsweise, der bis an die Atlantikküste Nordafrikas reicht, und einen nicht-arabischen Teil. Nach der vorherrschenden islamischen Rechtsschule, in Monarchien und Republiken, gemäß der Loyalitäten im Kalten Krieg oder nach dem Grad der Fremdbestimmung zur Zeit des Imperialismus der Osmanen oder Europäer. Für den Anfang sollte es jedoch genügen, noch einmal herauszustellen, dass die Unterschiede zwischen den Akteuren und ihren Interessen mannigfaltig sind.
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