Wir alle miteinander sind diese Woche in einem neuen Deutschland aufgewacht: Ein Land, in dem es ein barbarischer Anschlag auf junge Menschen, die in einer Bielefelder Bar einfach nur feiern wollten, nicht mehr auf die Titelseiten der deutschen Tageszeitungen schafft, nicht mal bei der größten Regionalzeitung, der Westdeutschen Allgemeinen.
Der wohl wichtigste Trend der letzten Jahre, den die deutsche Politik weitestgehend verschlafen hat, ist, dass niemand mehr ihre künstliche, abgehobene, entkoppelte, lebensfremde Sprache glaubt. Es ist gar nicht so sehr, was die Mächtigen sagen, es ist, wie sie es sagen. Wie sie vermeiden wollen, ihre Überzeugungen klar und unmissverständlich zu formulieren, um sich medial bloß nicht angreifbar zu machen.
Die aktuelle Folge „Achtung, Reichelt!“ sehen Sie hier:
Die Politik des letzten Jahrzehnts hat sich in ein schreckliches Parolen-Deutsch geflüchtet, das nur noch sogenannte Hauptstadtjournalisten ernst nehmen. Der Rest des Landes hat längst verstanden, dass diese Kunstsprache lediglich dem eigenen Machterhalt dient. Das gewaltige Glaubwürdigkeitsproblem der Politik besteht vor allem darin, dass normale Menschen ein feines Gespür dafür entwickelt haben, wenn sie mit Polit-Blabla eingelullt und mit Parolen eingeschüchtert werden sollen. Weite Teile der deutschen Politik haben noch nicht einmal ansatzweise verstanden, dass ihre eigene Berliner-Blasen-Sprache jede Glaubwürdigkeit verloren hat. Die Mehrheit im Land hat verstanden: Wer nicht aufrichtig formuliert, wird auch nicht aufrichtig handeln. Wer schwafelt, wird nicht liefern. Wer keine Klarheit in den Worten findet, hat auch keine Klarheit im Kopf.
Friedrich Merz bei seiner ersten Regierungserklärung am 14. Mai im Bundestag.
Es klingt so banal und ist doch ein Wendepunkt: Die Politik hat nicht verstanden, dass man dem Volk nicht mehr einfach jeden Mist erzählen kann, ohne auf massiven Widerstand zu treffen.
Wir erleben den Untergang der hohlen Parolen-Politik, den Glaubwürdigkeitskollaps der Berliner Phrasen. Nur leider haben das bisher zu wenige Politiker bemerkt. Hier ist ein Beispiel aus der vergangenen Woche, ein Interview mit der Raumfahrt-Ministerin Doro Bär in Bild. Die Überschrift lautet: „Doro Bär will Frauen auf den Mond schicken“.
Hier ist die deutsche Raumfahrtministerin Doro Bär:
Ich bin selber der größte Fan der Raumfahrt. Ich glaube zutiefst daran, dass die Menschheit nach den Sternen greifen muss, um das eigene Schicksal auf der Erde zu gestalten. Es liegt mir wirklich fern, über ehrgeizige politische Ziele zu nörgeln. Aber die bittere Wahrheit lautet: Doro Bär wird keine Frauen auf den Mond schicken und jeder weiß es. Wir alle miteinander sind auch einfach zu intelligent, um uns von Doro Bär, die ich persönlich sehr sympathisch finde, irgendeinen Quatsch über Deutsche auf dem Mond erzählen zu lassen. Als Deutscher ist es derzeit schwer genug, mit dem Zug halbwegs pünktlich von Nürnberg nach Bielefeld zu kommen. Unsere Spitzentechnologie der Magnetschwebebahn haben wir vor Jahrzehnten aus dem Land vertrieben. Die neue Köhlbrandbrücke in Hamburg soll 2046, also in zwanzig Jahren fertiggestellt sein. Der Neubau der Carola-Brücke in Dresden soll mindestens zehn Jahre dauern. Nur mal zum Vergleich: Die erste Carola-Brücke wurde im Kaiserreich in drei Jahren gebaut, die zweite Carola-Brücke wurde in der DDR in rund vier Jahren gebaut, IM SOZIALISMUS, – und im Deutschland des 21. Jahrhunderts soll es nun ein Jahrzehnt dauern.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) zum Bundeshaushalt 2027 | 06.07.26











