Der 5. Jahrestag der Corona-Pandemie steht vor der Tür und erinnert uns an die tiefen Risse, die in unserer Gesellschaft entstanden sind. Diese Risse sind nicht einfach nur physikalische Distanzierungen. Sie haben sich zu Gräben moralischer, sozialer und politischer Natur ausgeweitet, die schwer zu überbrücken sind. Es ist ein Moment der Reflexion, ein Zeitpunkt, in dem ich mich frage, wie wir als Gemeinschaft weitergehen können, nachdem wir so viel durchgemacht haben. Wir, die Ausgegrenzten. Die Ungeimpften. Die Ausgestoßenen. Die Hinterbliebenen von Covid-Toten. Selbst habe ich keinen mir nahestehenden Menschen in meiner engeren Familie durch COVID verloren. Andere schon.
Am eigenen Leib habe ich erfahren müssen, wie es ist, ausgegrenzt und von der Gesellschaft verstoßen zu werden. Die volle Härte des Staates, des Systems bekam ich zu spüren. All dies nur, weil ich das sagte und schrieb, was nun durch die offenen Protokolle des RKI für jeden sichtbar ist. Doch wie geht man damit um? Ja, ich wurde in dieser Zeit verletzt. Nicht körperlich. Vielmehr im Inneren. Meine Seele, mein Herz wurden von Menschen, die mir nahestanden und denen ich vertraute, beschädigt. Beruflich und privat.
Während ich mit vielen anderen Mitstreitern für die Demokratie und die Grundrechte eintrat, wollten andere nur ihre Freiheit zurück. Urlaub, Freiheit, Spaß. Es ging nie um echte Solidarität. Es war der pure Eigennutz, der viele unter Masken und in die Impfung trieb. Genau von diesen Menschen kamen der größte Druck, die größten Anfeindungen, die schlimmsten Vorwürfe sowie die schrecklichsten beruflichen Einschnitte für mich, die ich jemals zu erdulden hatte. Doch wie geht man damit um? Es ist schwer. Sehr schwer. Je mehr Zeit vergeht und je deutlicher zum Vorschein kommt, dass viele Antreiber und Verantwortliche dieser Maßnahmen kein ehrliches Interesse an einer Bitte um Verzeihung oder an Wiedergutmachung haben, umso schwerer wird es für mich, meine buddhistische Gelassenheit und den inneren Frieden zu bewahren. Für mich stellt sich öfter die Frage: weshalb sollte ich weiterhin moralisch und ethisch besser handeln als die, die es nicht tun. Ich merke, wie mir die Kraft schwindet, meinen moralischen Kompass in dieser Sache aufrecht zu halten.
Vor Corona mochte ich einen bestimmten Showmaster. Ich fand ihn und seine Quiz-Sendung genial. Voller Vorfreude wartete ich auf die nächste Sendung. Dann, in der Corona-Zeit, warb er dafür, daheim zu bleiben, sich impfen zu lassen. Mit seinem Gesicht und Bekanntheitsgrad setzte er damit andere Menschen sozial unter Druck. Dabei stellte sich heraus, dass er zum Zeitpunkt der Werbung wohl selbst gar nicht geimpft war. Neulich sah ich ihn wieder im TV. Ich wollte sehen, ob ich ihn wieder ertragen kann. Es gelang nicht. Er war wie immer. Charmant, witzig, klug. Aber das half alles nichts mehr. Ein düsterer Schleier umgibt seine Aura. Ich kann ihn nicht mehr ertragen. So geht es mir mit vielen Menschen. Tolle Schauspieler beispielsweise. Nun kämpfe ich mit mir selbst, dass ich meinen Anspruch an mich selbst haltend, Werk und Mensch trennen kann – aber es gelingt mir kaum mehr. Ebenso ist es mit Zeitungen – hier namentlich die Süddeutsche Zeitung. Als junger Mann und Student war ich verrückt nach diesem Blatt und verschlang es regelrecht. Was wäre ein Frühstück am Wochenende ohne ausführliche Lektüre dieser Zeitung gewesen? Unvorstellbar. Jeder Tag musste mit dem sog. „Streiflicht“ beginnen. Und nun? In der Corona-Zeit habe ich diese Zeitungslektüre eingestellt. Ich ertrug diese schlechten Artikel über Medizin nicht mehr. Es war nicht mehr auszuhalten, dass die Schreiberlinge so ungeheuerlich auf Menschen, die nur Kritik übten, eindroschen.
Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich das alles verzeihen könne. Gemäß meiner inneren Einstellung antwortete ich mit „Ja“. Ich hoffe, ich habe mich nicht getäuscht und mir selbst nichts vorgemacht. „Vergessen würde ich jedenfalls das alles nicht“, war meine ständige Antwort.
Doch weshalb bin ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich verzeihen kann? Ob ich tatsächlich verziehen habe? Der zunehmende Groll zeigt mir, dass ich darüber nicht hinweg bin. Wie wird es wohl dann den Menschen in der Gesellschaft gehen, die niemals vor hatten, zu verzeihen?
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