„Das tritt nach meiner Erkenntnis … ist das sofort, unverzüglich ...“ ist wohl trotz seiner unklaren und gestammelten Syntax einer der wichtigsten Sätze in der Geschichte Deutschlands. Der daraufhin einsetzende Ansturm auf die innerdeutschen Grenzen für einen Besuch im Westen darf im Resultat wohl als jener Moment angesehen werden, der die Wiedervereinigung unvermeidbar machte.
Tausende DDR Bürger strömten am 9. November 1989 am Grenzübergang Bornholmer Brücke in den Westen.
An jenem 9. November 1989 öffneten sich mit diesem gestammelten Halbsatz Grenzen, die nur wenige Wochen zuvor noch für immer und vor allem fest verschlossen schienen. Es waren Grenzen, die zwei grundverschiedene gesellschaftliche Systeme trennten, diese jedoch gleichzeitig in ihrer Historie miteinander verbanden: das diktatorische sozialistische System des Ostens und das freiheitlich-demokratische System des Westens. Während sich die Diktatur des Ostens in eine schizophrene Scheinwelt flüchten musste, um dem natürlichen Drang der Menschen nach Wohlstand, Freiheit und Selbstbestimmung eine kollektivistische, solidarische und gleichmachende Gesellschaftsform entgegensetzen zu können, befand sich der demokratische Westen auf einem als überlegen begriffenen Wachstums-, Wohlstands- und Freiheitspfad.
Die sozialistische Diktatur der DDR wurde mit der Berliner Mauer eingerissen und das SED-Regime friedlich, aber bestimmt abgelöst und schließlich durch eine bereits 40 Jahre lang gefestigte westdeutsche Demokratie ersetzt. Fast schon gnadenlos rückstandslos. So wurden vor nun 35 Jahren – am 3. Oktober 1990, zwei Systeme wiedervereint, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Gleichzeitig wurde mit dieser Wiedervereinigung ganz offiziell eine staatliche Einheit vollzogen, die die DDR zwar von sämtlichen Landkarten sämtlicher Geographen verschwinden ließ, nicht jedoch automatisch auch aus den Köpfen der 16 Millionen Ostdeutschen. Denn so wie die Westdeutschen die gleichen Menschen geblieben sind, blieben es auch die in der DDR sozialisierten Ostdeutschen, die jeweils ihre Erinnerungen und Erfahrungen mit in die neue gemeinsame Demokratie brachten.
Jubelnde Menschenmassen feiern in der Nacht zum 3. Oktober 1990 vor dem Berliner Reichstag mit Feuerwerk und Deutschlandfahnen die wiedergewonnene Einheit Deutschlands.
In nur elf Monaten zwischen dem Fall der Mauer am 9. November 1989 und der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 hatte sich für damals rund 16 Millionen Menschen das Leben grundlegend und teilweise radikal schmerzhaft gewandelt. Gleichzeitig eröffnete sich für eben diese 16 Millionen Menschen die Chance, nun endlich ein Teil des westlichen, demokratischen Welt- und Wertegefüges zu werden, mit all seinen bis dahin für die meisten Ostdeutschen schier unerreichbaren Möglichkeiten einer ganz eigenen, individuellen und vor allem freien Lebensgestaltung. Dieser Weg Richtung Westen bedeutete eine Welt, die jedem alles ermöglichte und alles versprach: Reisen, arbeiten was und wo man will, offen reden, die eigene Meinung sagen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, demonstrieren, streiken, Eigentum aufbauen – kurz gesagt: Freiheit.
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